Ungasan – „100 Tage -Bilanz“

Wenn neue Regierungen an die Macht kommen, dann wird nach 100 Tagen geschaut, was sie alles so bewirkt haben. Natürlich lässt sich in 100 Tagen nicht die Welt verändern, aber in meinem Fall lässt sich ein bisschen was von der Welt entdecken. Seit dem 03.10. treibe ich mich in Südostasien rum, habe „alte“ Schauplätze besucht, neue Reiseziele erkundet und mit Bali ein neues Paradies für mich gefunden. Ich habe bisher an keinem einzigen Tag meine Entscheidung ein neues Kapitel in meinem Leben aufzuschlagen bereut. Ich fühle mich wie ein kleines Kind, das jeden Tag mit großen Augen fasziniert alles aufsaugt und sich an den Kleinigkeiten des Lebens erfreut. Jeden Tag bestaune ich ungläubig die unreale Farbe der Drachenfrüchte in meinem selbstgemachten Obstsalat. In Thailand habe ich mich bei jedem Ortswechsel gefragt, wie in einem solchen Chaos alles glatt gehen kann und jeder doch ans Ziel kommt. In Kuala Lumpur stand ich ungläubig in den riesigen Shoppingmalls um mich zu fragen, wie ein solcher Konsumwahn erzeugt wird. In Singapur „verließ“ ich für ein paar Tage Asien und wurde in den Bann des Marina Bay Sands gezogen.

Nun bin ich bereits einen Monat auf Bali und genieße jeden Tag hier. Okay wir haben Regenzeit, doch was heißt das? Seit gut drei Wochen heißt das: um die 30 Grad, viel viel Sonne und ab und zu mal einen Regenschauer, die vor allem nachts fallen. Damit kann man leben. Auf Bali angekommen, habe ich mich wieder ins Surfhouse eingemietet, da ich wieder surfen wollte. Stand noch die Entscheidung auf dem Programm ein eigenes Board zu kaufen, oder eines zu mieten. Ich hatte mich für den Kauf entschieden, denn zwei Monate mieten würden teurer werden und wenn was kaputt geht, ist es beim eigenen Board nicht so schlimm. Also klapperte ich zunächst alle Surfshops in der Umgebung ab, aber keines hatte ein gebrauchtes 7.0er (ein für Beginner geeignetes größeres Board). Dann musste ich in den sauren Apfel beißen und nach Kuta fahren, wo ich zum Glück fündig wurde. Für 2,5 Millionen Rupiah bekam ich ein gebrauchtes Board in meiner gewünschten Größe mit neuen Finnen, Leash und Board-Bag. Zum Glück waren die nächsten Tage gute Wellen angekündigt, so dass das Board gleich getestet werden konnte. Bei meinem ersten Besuch auf Bali war es noch Trockenzeit, was für das Surfen eine große Rolle spielt, denn in der Trockenzeit sind die Westküstenstrände perfekt und in der Regenzeit die Ostküstenstrände. Mein Lieblingsstrand Balangan kam also nicht mehr in Frage und es galt den Osten zu erkunden. Da der Swell ziemlich groß war und riesige Brecher mitbrachte, fuhren wir fast jeden Tag nach Serangan zum Surfen, einer kleinen Halbinsel östlich von Kuta. Dort gibt es Anfänger- und Profiwellen. Wenn man selber nicht mehr kann, dann legt man sich auf eine Sonnenliege einer der vielen Warungs (einheimische Restaurants) am Strand und schaut den wirklich guten Surfern zu. So vergingen die ersten Tage auf Bali im Flug und schon bald stand der Abschied vom Surfhouse auf dem Programm, denn Josi hatte sich über Weihnachten und Silvester ja angekündigt.

Da ich mir über die Feiertage auch ein bisschen was gönnen wollte, hatte ich über AirBnB einen Bungalow in Canggu gemietet. Ich hatte über Canggu viel Gutes gelesen und gehört und deshalb fiel meine Wahl auf dieses Örtchen. Im Unterschied zu Ungasan, wo ich sonst war, ist Canggu touristischer, aber dennoch ziemlich entspannt und nicht so krass überlaufen wie Kuta oder Seminyak. Raffael, der Besitzer der kleinen Bungalow-Anlage und seine eifrigen Mitarbeiterinnen, waren super freundlich und äußerst hilfsbereit. Als Josi ankam, wurde sie gleich mit 30 Grad auf Bali begrüßt und so sollte es fast durchweg bleiben. So wurden die ersten Tage einfach nur am Pool verbracht, den wir überwiegend für uns allein hatten. Leider wurde ich kurz vor Weihnachten krank, aber das wisst ihr ja schon. Josi jedenfalls hat sich rührend gekümmert und dafür gesorgt, dass ich schnell wieder auf die Beine kam, denn mein Weihnachtsgeschenk wollte ja eingelöst werden. Ich bin kein Freund von materiellen Geschenken und so überlegte ich mir, Josi einen unvergesslichen Moment zu ermöglichen. Unser Ziel war der Mount Batur, ein aktiver Schichtvulkan (letztmalig 2000 ausgebrochen) auf Bali, den wir vor Sonnenaufgang besteigen wollten. Den Fahrer buchten wir über Raffael und um 2Uhr nachts ging es los. Gute 1,5 Stunden später durch Dauerregen und Nebelwände mit teilweise unter 5m Sicht erreichten wir den Fuß des Vulkans. Sehen konnten wir nichts, denn es war stockduster, doch wir wurden gleich von einem freundlichen Guide (ohne einen Guide ist die Besteigung nicht erlaubt) begrüßt, der uns anmeldete und natürlich bezahlen den Eintritt zum Vulkan bezahlen ließ (50€ für zwei Personen). Irgendwie hatten wir uns das ein klein wenig anders vorgestellt, denn mit solchen Menschenmassen hatten wir nicht gerechnet. Es schlängelten sich mehrere hundert Menschen, ausgestattet mit Taschenlampen, den steilen und teilweise schwierigen Weg hinauf zum Gipfel auf gut 1700m Höhe. Gegen 5:30Uhr kamen wir oben an und es war immer noch dunkel und neblig. Hoffentlich würden wir den Sonnenaufgang wenigstens ein bisschen sehen. Trotz vieler Wolken erhaschten wir atemberaubende Blicke auf die aufgehende Sonne, die hinter dem größeren Vulkan Gunung Abang (über 2100m hoch) aufging und den Kratersee erahnen ließ. Trotz der vielen Menschen, der frühen Morgenstunde und der nicht perfekten Wetterbedingungen war es eine tolle Erfahrung und ist sehr empfehlenswert. Kurz nach Sonnenaufgang wurden uns noch der Krater, einige Höhlen und heiße Dampfquellen gezeigt. Abgelenkt wurden wir aber vor allem von unzähligen Affen, die dort oben leben, alles klauen was essbar ist und sogar mit den streunenden Hunden kämpfen.

Wieder unten angekommen war unser Fahrer richtig ausgeschlafen und erzählte uns, dass er im Auto gefroren hätte bei 18 Grad. Er kennt es nicht kälter als 23 Grad, das nenn ich mal Luxus. Auf dem Rückweg machen wir noch einen Stopp an Reisfeldern, die wir in Canggu überall hatten und wir genehmigten uns Frühstück in Ubud, dem kulturellen (touristisch aufbereitet) Herzen Balis. Inzwischen hatten wir eine bestimmte Routine entwickelt, denn da unser Bungalow keine Küche hatte und wir ja schließlich im Urlaub waren, fuhren wir jeden Morgen zu unserem Lieblingscafe, dem Monsieur Spoon, ein französisches Cafe mit den besten Croissants and Chocolatines in ganz Südostasien und auch der Kaffee war super. Danach stand eine ausgiebige Poolsession auf dem Programm (Josi war tatsächlich 15 Tage am Stück jeden Tag im Pool) und sonst erkundeten wir mit unserem Roller die Gegend. Auch Tanah Lot (einer der berühmtesten Wassertempel auf Bali) lag in der Nähe. Mit dem Roller war es keine 20min Fahrt und dort angekommen, wurden wir wieder einmal von Menschenmassen empfangen. Man muss wissen, dass auf Bali im Dezember eine Art Urlaub ist und viele Einheimische jeden Tag unterwegs sind. So auch an diesem Tag in Tanah Lot, es war völlig überlaufen und nicht wirklich ein Highlight. Tanah Lot soll am besten bei Sonnenuntergang und Ebbe sein, da man dann zu dem Tempel auf dem vorgelagerten Felsen spazieren kann, aber dann sind noch viel mehr Menschen dort. Außerdem ist der Weg zur Tempelanlage mit hunderten Souvenirständen gepflastert. Ich musste einmal mehr feststellen, dass in Reiseführern angekündigte Highlights immer wieder eine Enttäuschungen sind.

Canggu besitzt wahrlich tolle Restaurants (Fleisch, Vegetarisch, Vegan …) , Cafés und Warungs. An einem der letzten Tage entdeckten wir das Warung Ithaka, in dem wir zunächst ein Sandwich probierten, dass man sich komplett selber zusammenstellen konnte. Später sollten wir dann zurück kommen um indonesisch zu essen und es gibt hier mit Abstand das beste Mie Goreng Ayam (Mie=Nudeln, Goreng=gebraten, Ayam=Huhn) das ich auf Bali gegessen hatte und so wurden wir bis zur Abreise Stammgäste dort. Außerdem genossen wir jeden Tag mindestens einen frischen Fruchtsaft aus Mango, Drachenfrucht, Ananas oder ähnlichem. Wichtig ist auf Bali die Säfte ohne Zucker zu bestellen, denn aus irgendeinem Grund wird dieser überall mit rein gemacht. In der Beachbar „The Lawn“ verbrachten wir einen tollen Abend mit Live Jazz Musik und einem der schönsten Sonnenuntergänge. Einen Ausflug nach Seminyak nutzen wir um Mitbringsel und verspätete Weihnachtsgeschenke zu shoppen und frisch gemachtes Sorbet (mit Trockeneis) zu vernaschen. Ich betrachte die gut zwei Wochen mit Josi als eine Art Urlaub vom Reisen und so ließen wir es uns jeden Tag richtig gut gehen. Aber auch diese Zeit ging zu Ende und Josi ist bereits seit einer Woche wieder im bitterkalten Deutschland.

Ich hingegen bin wieder in meinem Stamm-Surfhouse und führe ein ziemlich „langweiliges“ Leben: Morgens werde ich von der Sonne gegen geweckt zwischen 6-7 Uhr. Dann selbstgemachtes Frühstück mit Bagel, frischem Obst und Kaffee und dann Aufbruch zum Surfen. In den letzten Tagen war ich ziemlich oft am Nikko Beach, ein kleiner aber feiner Strand hinter dem ein Hilton Resort aufragt. Nikko Beach hatte bis vor zwei Jahren eine der besten und längsten (righthander) Wellen auf ganz Bali. Leider wurde diese illegal durch ein Hotelkonsortium (Kempinski) zerstört. Diese Hotelkette ließ eine steinerne „Mauer“ auf dem Riff errichten, die die Welle zerstört. Trotzdem sind bei guten Bedingungen noch surfbare Welle zu finden. Es ist traurig und erschreckend, dass Hotels so rücksichtlos mit der Natur umgehen und das Paradies immer weiter zerstören, anstatt es zu erhalten und im Einklang mit der Natur Konzepte verwirklichen. Zurück zum Tagesablauf. Nach dem Surf zurück zur Unterkunft und erst einmal chillen in der Hängematte. Früchte zur Stärkung, ein eBook um nicht zu verblöden, oder über Spotify ein Hörbuch (Empfehlung: Panikherz von Benjamin von Stuckrad-Barre) oder Musik. Nebenbei versuche ich über eine Schach-App ein bisschen was für meinen Kopf zu tun, um nächstes Weihnachten meinen Bruder beim Schach zu schlagen. Später dann zu einer weiteren Surfsession und Abendessen bei Sonny, meinem Lieblings-Warung um die Ecke. Und das geht nun jeden Tag so, damit ich endlich ein besserer Surfer werde. Klingt öde oder?

So langsam plane ich auch meine Weiterreise nach Australien, denn in gut drei Wochen geht es auf in das Abenteuer West- und/oder Südaustralien und in ein bisschen mehr als zwei Monaten bin ich dann in Neuseeland, meinem ersten Langzeitziel. Zunächst aber genieße ich die Eintönigkeit meines Surfalltags, ich genieße das Nichtreisen und ich genieße vor allem das Paradies Bali noch ein paar Wochen. 100 Tage sind heute rum und es kommt mir deutlich kürzer vor. Ich hatte wieder einmal überwiegend Glück auf meinem Trip, denn gerade die letzten Tage musste ich schreckliche Überflutungsbilder aus Koh Tao sehen, denn dort (ganz Südthailand) gab es die krassesten Monsunregenfälle der letzten Jahre. Alle meine Flüge und Reisen verliefen überwiegend problemlos und auch meine Unterkünfte waren fast immer Volltreffer. Ich habe unzählige interessante Menschen kennengelernt, die mich mit ihren Lebenswegen fasziniert haben und mir einmal mehr verdeutlicht haben, dass es nicht immer der gerade Lebenslauf sein muss um an sein Ziel zu kommen. In diesem Sinne bleibt „Der Weg das Ziel“ für mich und ich freue mich auf alle weiteren Begegnungen, Erfahrungen, Rückschläge und unvorhersehbaren Wendungen in Zukunft.

3 Kommentare zu “Ungasan – „100 Tage -Bilanz“


  1. Hallo Stefan!
    Schön, dass Du wieder gesund bist. Dein Haare finde ich zwischenzeitlich Klasse :o)!!! Deine Zeilen sind
    wieder irre interessant, sooooo weit weg von unserer deutschen alltäglichen Ordnung. Am Wochenende
    bin ich erst einmal mit Deiner Mutti unterwegs, damit wir auch etwas zu berichten haben 😉 Übrigens,
    Sina ist ganz hin und weg von Bali und will unbedingt hin – Du kennst sie ja (vielleicht in ein paar Jahren).
    Dann lass Dich drücken – alles Liebe von Deinen Berlinern!

  2. Man möchte mit dem Lesen gar
    nicht aufhören. Hoffentlich kommt
    bald der nächste Blog.
    Denk an uns und genieße die Zeit.

  3. Hallo lieber Stefan >:D< Heute am 14.01.2017 kam deine
    Weihnachtskarte an und ich habe mich sehr gefreut. Man glaubt
    nicht wie lange sie braucht :-)) trotzdem toll<3 dein Bericht war
    wieder super und wir hoffen du bleibst schön gesund. Hier gibt es
    nichts Neues alle wohl auf.Naja bißchen wärmer könnte es sein.Du
    hast es ja gut in der SonneB-) so schöne Orte zum träumen schön :-h
    sei ganz lieb gegrüßt und fetten Schmatzer von Tanten;-)

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